Es gibt so eine Frage, die unabhängig von Hochbegabung (HB), Hochsensibilität (HB) oder Kontext (beruflich, privat) im Coaching immer wieder auftaucht. Und diese lautet: Soll ich meine besondere Begabung transparent machen bzw. wie öffentlich gehe ich mit meiner HB oder HS um?

 

Vielleicht brannte auch dir diese Frage schon unter den Nägeln. Und vielleicht hast du einen passenden Weg für dich gefunden.

 

All diejenigen, die sich noch nicht sicher sind, möchte ich gerne umgekehrt fragen:

Was wäre das Ziel deines Outings?

 

Ich bin davon überzeugt, dass es in der Kommunikation keine Zufälle gibt. Ob ich etwas sage, wie ich es sage und wann ich es sage ist nicht immer ein völlig bewusster Prozess. Daher gilt es häufig zuerst einmal zu schauen, warum diese Frage mich gerade jetzt umtreibt. In welchem Kontext steht diese Frage.

Welche – möglicherweise unbewussten – Wünsche verstecken sich dahinter?

 

Da gibt es den hochsensiblen Mann, der sich schon seit geraumer Zeit über seine durchschnittlich sensiblen Kollegen ärgert, die zu laut telefonieren, ihre Privatgespräche lauthals im gleichen Büro ausdiskutieren und geschirrklappernd durch die Flure laufen, so dass seine Konzentration auf die Arbeit wesentlich beeinträchtigt wird.

 

Und da gibt es die hochbegabte Frau, die sich jedes Mal in Teamgesprächen die Haare rauft, weil ihre Lösungen ignoriert werden. Weil sie erkennt, dass sie ein anderes Verständnis von effektivem Zeitmanagement hat. Weil sie lösungsorientiert denkt, anstatt sich dem allgegenwärtigen Jammermodus hinzugeben, der zwar dem gemeinen Socializing dient, aber eine probate Problemlösung in weite Ferne rückt. Der Handeln statt Quasseln wesentlich mehr behagt.

 

Beide Beispiele, so unterschiedlich sie auch sind, zeigen einen Wunsch nach Veränderung. Beide Personen sind unglücklich mit ihrer derzeitigen Situation.

Daher ist der Wunsch, seine besondere Begabung transparent zu machen, nur allzu verständlich.

Wenn ich sage, dass ich hochsensibel oder hochbegabt bin, dann wird mein Chef / meine Kollegen endlich besser auf mich eingehen.

 

Allerdings gilt es aus meiner Sicht zu beachten, dass es trotz des zunehmenden medialen Interesses immer noch viele Vorurteile und Halbwissen in den Köpfen vieler Menschen gibt. Du weißt aus eigener Erfahrung, wie es ist hochbegabt und/oder hochsensibel zu sein. Für dich ist dies kein angelesenes, theoretisches Wissen. Du lebst seit vielen Jahren mit dieser Gabe, erlebst sie tagtäglich und hast dich wahrscheinlich zusätzlich umfassend zu diesen Themenkomplexen informiert. Gehe also nicht automatisch davon aus, dass die Menschen in deiner Umgebung dies ebenfalls getan haben.

 

Daher zurück zur Ausgangsfrage: Welches Ziel verfolgst du?

 

Der hochsensible Mann aus unserem Beispiel wollte zum Beispiel die störende Geräuschkulisse abstellen. Bevor er also lang und breit seine Hochsensibilität schildern und erklären muss und damit auch leider nicht bei jedem auf empathische Ohren stößt, benennt er konkrete Wünsche:

ein Raumteiler schafft mehr Privatsphäre, private Gespräche finden im Pausenraum statt und das Essen findet in der Küche oder der Kantine statt.

 

Gleiches gilt für die hochbegabte Frau. Sie äußert konkrete Wünsche. Wichtige Tagesordnungspunkte werden im Vorfeld bestimmt und Zeitwächter achten im Sinne eines effektiven Zeitmanagements darauf, dass genannte Punkte lösungsorientiert abgearbeitet werden, ohne der Schwafelei zu viel Raum zu geben.

 

Fazit:

Selbstverständlich bleibt es jedem selbst überlassen, wie öffentlich oder intim er seine HB und/HS handhabt. Aus meiner Erfahrung heraus ist es aber oftmals sinnvoller, konkrete Wünsche und Ziele zu benennen, da diese leichter zu Veränderungsprozessen führen als die bloße Kommunikation seiner Begabung.

 

In diesem Sinne wünsche ich dir ein zielgerichtetes Miteinander,

alles Liebe

 

Melanie

 

PS: Zum Thema Transparenz von Hochbegabung und/oder Hochsensibilität bei Kindern in Institutionen wie Kindergarten oder Schule in Kürze mehr, da dies ein eigenständiger Themenkomplex ist.

 

Share This