In einem meiner letzten Blockbeiträge bin ich darauf eingegangen, dass mir im Coaching häufig die Frage begegnet, ob und wie man seine Hochbegabung bzw. Hochsensibilität kommunizieren sollte.

Wer den Artikel gelesen hat, wird bemerkt haben, dass ich bei Erwachsenen dahin tendiere, gegenüber Chefs, Kollegen, etc. Wünsche und Ziele klar zu formulieren als die bloße Bekanntgabe seiner Begabung. Grund ist, dass konkrete, transparente Wünsche meist schneller zielführende Veränderungsprozesse anstoßen.

 

Wie sieht es jedoch mit Eltern hochbegabter und/oder hochsensibler Kinder aus, die zwar ein harmonisches Familienleben haben, aber immer wieder in Institutionen an ihre Grenze stoßen?

 

Hierzu ein kleines, reales Beispiel:

 

Ein hochbegabtes und hochsensibles Kind kommt in den Kindergarten. Die Eltern wissen um seine Begabung, sehen aber erst einmal keine Veranlassung, diese publik zu machen. Warum auch?

 

Da es eines derjenigen hochsensiblen Kinder ist, welches empfindsam auf eine hohe Geräuschkulisse reagiert, macht es intuitiv etwas völlig Richtiges: es sucht sich Rückzugsmöglichkeiten, schnappt sich z. B. ein Bilderbuch und verkrümelt sich zeitweilig einfach mal in die Kuschelecke.

 

Zudem ist dieses Kind eher „leise“, introvertiert und beobachtet erst einmal gerne, was um es herum geschieht als sich sofort ins Getümmel zu stürzen. Auch braucht es ein wenig mehr Zeit, bis es auftaut und mit Erziehern und Gleichaltrigen warm wird.

 

Dann werden die Eltern plötzlich zum Gespräch gebeten.

Dort wird ihnen mitgeteilt, dass es ja wohl nicht normal sei, dass ein Kind mit gerade einmal fünf Jahren lesen könne. Das Beste sei, man würde es zuhause verbieten, damit das Kind sich nicht in der Schule langweile.

Und überhaupt sehe man doch auch gewisse autistische Züge: diese Zurückgezogenheit, dieses „Stille“, vielleicht ein Asperger?

 

Einfache Schüchternheit wird zu dissozialem Verhalten umdeklariert.

Plötzlich können auch „Symptome“ benannt werden, die du als Elternteil noch nie zuhause, in eurem Umfeld oder in anderen sozialen Aktionen beobachtet hast.

 

Was passiert hier?

Spätestens wenn diese Form von Pseydo-Diagnosen, Labelling und Schubladendenken auftauchen, sollte man die Reißleine ziehen.

Warum:

Weil folgendes Szenario nicht unwahrscheinlich ist:

 

Hat sich der Beobachter erst einmal auf eine „Diagnose“ eingeschossen, wird er wohlmöglich nach weiteren vermeintlichen Symptomen suchen, um seine getroffene Annahme bestätigt zu sehen. Dieser unbewusste Prozess nennt sich „Confirmation bias“. Verhaltensweisen des Kindes, welche nicht in die Symptomatik passen, werden ausgeblendet, wohingegen Puzzlestückchen, welche vermeintlich passen, erhöht wahrgenommen werden.

Der Beobachter sucht also unbewusst nach Bestätigung seiner Annahme, was aber eine Wahrnehmungsverzerrung nach sich ziehen kann.

Wer also glaubt, einen Autisten, ADHSler, etc. vor sich zu haben, wird diesen unter Umständen auch als solchen behandeln. Und zack ist die Schublade geschlossen, das Etikett geklebt, das Label aufgedrückt.

 

Wenn Eltern in der Beratung fragen, ob und wann sie die Hochbegabung oder Hochsensibilität ihres Kindes transparent machen sollten, wäre das obig geschilderte Szenario ein Fall, wo man so etwas durchaus tun kann, um

  • den Prozess der selektiven Aufmerksamkeit zu durchbrechen
  • ein vorschnelles und unprofessionelles Labelling zu verhindern
  • die Fähigkeiten des Kindes ins rechte Licht zu rücken, nämlich raus aus der pathologischen Ecke

 

Denn weder Hochbegabung noch Hochsensibilität oder die Kombination aus beidem haben einen pathologischen Hintergrund oder erschweren, wie landläufig häufig behauptet, die soziale Interaktion.

Es sind wundervolle Gaben, die mitnichten zwangsläufig zu Schwierigkeiten im sozialen Gefüge führen.

 

 

Alles Liebe,

Melanie

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