Du wirst geblendet

Ein emotionaler Missbraucher gibt sich leider nicht anfänglich als solcher zu erkennen. Ganz im Gegenteil. Du lernst einen Menschen kennen, der in der Regel äußerst eloquent erscheint. Er/sie verhält sich rhetorisch geschickt: Macht dir zum Beispiel Komplimente und umgarnt dich. Er verhält sich, wie ein guter Gesprächspartner es tun sollte: er hört aufmerksam zu, stellt dir persönliche Fragen, unterbricht dich nicht und fokussiert sich ganz auf euer Gespräch. Du bist erfreut über diese gelungene Kommunikation, in der sich jemand ganz dir widmet. Ein Mensch, der nicht nur durch seinen Humor und seine Anekdoten zu einem unterhaltsamen Gesprächspartner wird, sondern der dich auch intellektuell inspiriert. Dir ist klar: Davon will ich mehr!

 

Du wirst irritiert

Dieses „mehr“ gibt er/sie dir nur allzu bereitwillig: Ist es doch sein Ziel, dich zu vereinnahmen. Aber erst einmal Schritt für Schritt. Auch wenn ihr euch schon in einer Beziehung befindet, muss er/sie erst einmal sicherstellen, dass du nun gänzlich ihm gehörst. Daher wird der emotionale Missbraucher zumeist nicht schlagartig seine Maske abnehmen, sondern peu à peu seine manipulative Strategie streuen.

Du hast eine andere Meinung zu einem bestimmten Sachverhalt? Plötzlich ist er nicht mehr so verständnisvoll. Diskussionen verlieren ihre Sachlichkeit, werden emotional und kippen ins Negative. Es geht nicht mehr darum, eine zielorientierte Lösung zu finden, sondern darum, wer den Schlagabtausch gewinnt und somit das Zepter in der Hand behält.

Getroffene Absprachen verlieren ihre Gültigkeit. Sätze wie „Das habe ich nie gesagt“ oder „Das ist alleine deine Schuld und Verantwortung“ sollen dich irritieren. Eines der Ziele ist, dass du anfängst, an deiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Du beginnst allmählich, deine Gedanken, Gefühle und dein „Ich“ in Frage zu stellen.

 

Du wirst manipuliert

Und das zu Beginn sehr subtil. Daher setzt bei vielen Betroffenen oft Scham ein, wenn sie erkannt haben, dass sie sich in einer toxischen Beziehung befinden. Bedingt durch die Subtilität merken viele ihre Rolle erst, wenn es bereits zu spät ist. Der Missbraucher geht auch raffiniert vor. Immer wieder streut er Perioden der vermeintlichen Selbsterkenntnis ein:

  • er beteuert, wie sehr er dich liebt
  • er schiebt seine Aggressionen auf externe Umstände wie Stress im Beruf
  • er gelobt Besserung
  • er liefert Erklärungen wie seine/ihre schreckliche Kindheit
  • oder er erklärt dich zum Sündenbock, was gerne mit Wenn-dann-Sätzen begleitet wird:

 

> Wenn du mich wirklich lieben würdest, dann…

> Wenn du mich nicht immer so provozieren würdest, dann…

> Wenn ich nicht ständig alles alleine machen müsste, dann…

> Wenn du wie andere wärest, dann…

> Wenn du verständnisvoller wärest, dann…

 

Deutlich wird die recht typische Schwarz-Weiß-Malerei des Missbrauchers. Sätze, welche Wörter wie „immer“, „nie“ oder „ständig“ enthalten, sind mitnichten zielführend und schon gar nicht auf Konsens ausgelegt.

Ein Partner auf Augenhöhe meidet solche Formulierungen, vergleicht dich nicht mit Anderen und beginnt seine Kommunikation nicht mit Du-Phrasen, sondern bleibt bei sich!

 

Du wirst gedemütigt

Steter Tropfen höhlt auch den stärksten Stein. Der Missbraucher wird nicht müde, dich tagtäglich auf deine Unzulänglichkeiten hinzuweisen. DU bist sein Haar in der Suppe. Da er dich mittlerweile gut kennt, weiß er treffsicher deine Triggerpunkte zu drücken. Springst du dann nach der x-ten Verbalentgleisung darauf an, bist natürlich wieder du schuldig.

Du hast dich nicht im Griff.

Du reagierst hysterisch.

Du bist ja krank und solltest dringend mal zur Therapie.

 

Besonders verletzend wird es von Betroffenen empfunden, wenn das Ganze auch noch vor Publikum stattfindet. Gerne werden gesellige Runden genutzt, um dich noch weiter zu erniedrigen und klein zu reden. Indem dich der Missbraucher öffentlich vorführt – selbstverständlich mit subtil-perfider Ironie -, schrumpft dein Selbstwertgefühl weiter gen Null. Seine Machtposition wird weiter gestärkt.

 

Du wirst missbraucht

So und nicht anders nennt man das, was in so einer Beziehung passiert.

Mit Liebe, auch wenn dieses Wort noch so häufig vom Missbraucher ausgesprochen wird, hat dies nichts zu tun.

Eine gesunde Partnerschaft setzt auf Gleichberechtigung; ein Geben und Nehmen ist selbstverständlich und muss nicht ausgehandelt werden.

Eine toxische Beziehung hingegen beinhaltet immer ein Machtgefälle. Ein „Partner“, der dominiert und sein Gegenüber unterwirft.

Du bist hier weder Geliebte(r), Seelenverwandte(r) noch vollwertiges Familienmitglied.

 

Das, was eine Trennung häufig so schwierig macht, obwohl du intuitiv weißt, dass es das Beste wäre, ist, dass du meist erst dann merkst, dass du dich in einer missbräuchlichen Beziehung befindest, wenn

 

 

  • dein Selbstwertgefühl schon am Boden ist
  • du von dir selbst glaubst, dumm und unfähig zu sein
  • du deiner eigenen Wahrnehmung und Intuition nicht mehr traust
  • du befürchtest, überhaupt nicht liebenswert zu sein und diese Beziehung verdient zu haben
  • du dich unglaublich schämst, dass ausgerechnet dir so etwas passieren konnte
  • du eingeschüchtert bist und Angst vor dem Alleinsein hast
  • deine ganze Kraft und Energie scheinbar aufgebraucht ist

 

 

Falls du unsicher bist

  • Hole dir weitere Informationen via Blogs, Artikel, Fachbücher, Videos, etc.
  • Suche dir eine professionelle Unterstützung
  • Bitte, wenn möglich, Freunde und Familie um Hilfe
  • Vernetze dich mit anderen Betroffenen

 

Falls dir solch eine toxische Beziehung widerfahren ist, schäme dich nicht. Emotionaler Missbrauch beginnt schleichend und subtil. Gräme dich also nicht, dass du als intelligenter Mensch nicht früher die Reißleine gezogen hast.

Dass du dich nutzlos, beschämt und minderwertig fühlst, ist Folge seiner/ihrer Manipulation, Kleinrederei, Realitätsverzerrung, Aggression und emotionaler Kälte.

 

Das ist das, zu dem du gemacht wurdest, aber nicht das, was du BIST.

Deine Stärke, deine Liebe, dein Zutrauen, deine Intelligenz und deine Intuition sind immer noch da, immer noch in DIR.

 

Ich wünsche dir alles Liebe,

Melanie

 

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